„The previous play is under review!“

American Football ist (was die technischem Hilfsmittel angeht) einer der fortschrittlichsten Sportarten überhaupt. Sofern verfügbar wird der Videobeweis im großen Stil eingesetzt um Schiedsrichterentscheidungen zu bestätigen oder zu korrigieren. Die NFL entschied sich vor Beginn dieser Saison dazu, den Videobeweis noch weiter auszubauen. Warum dann nicht gleich alle Situationen überprüfen?

Schon lange gibt es in der NFL die Möglichkeit für Trainer, Schiedsrichterentscheidungen anzuzweifeln. Hierbei genügt es, bevor der nächste Spielzug beginnt, eine rote Flagge sichtbar aufs Spielfeld zu werfen. Anschließend nimmt sich der Schiedsrichter (Whitehead) maximal eine Minute Zeit um die Spielsituation in der Wiederholung anzuschauen. Bekommt dieser beim Sehen der Bilder den sicheren Beweis dafür, dass die Situation von den Schiedsrichtern falsch bewertet wurde, wird sie zugunsten der TV-Bilder geändert. (The ruling on the field will be overturned/revised“).
Diese „indisputable visual evidence“ spielt dabei eine große Rolle. Oftmals ist es nämlich auch auf den TV-Bildern z.B. nicht zu sehen, ob der Runningback zuerst denn Ball verloren hat oder vorher sein Knie auf dem Boden war. In diesem Falle lautet das Urteil des Schiedsrichters: „The ruling on the field stands.“ Hiermit gibt er an, dass die ursprüngliche Entscheidung aufrecht erhalten wird, da er eben keinen sicheren Beweis für das Gegenteil hat. Ist er sich sicher, dass die ursprüngliche Entscheidung korrekt war lautet sein Urteil: „The ruling on the field is confirmed„.

Als wäre das alles nicht schon kompliziert genug, gibt es etliche Regeln darüber, welche Situationen von den Coaches angezweifelt werden dürfen (Vollständiger/Unvollständiger Pass, Ballträger im Aus oder nicht, Vorwärts – oder Rückwärtspass, zu viele Spieler auf dem Feld beim Snap, Ball getippt während des Wurfes usw…) und welche nicht (Ballträger down durch Kontakt, den Status der Spieluhr, ob ein Field-Goal bei dem der Ball über die beiden Außenstangen flog gut war oder nicht usw…). Generell gilt: Jedes Team hat die Möglichkeit pro Spiel zwei mal die Spielentscheidung der Schiedsrichter anzuzweifeln (sog. Challenge). Hat das jeweilige Team beide Male recht bekommt es noch eine dritte Möglichkeit. Da eine verlorene Challenge ein Timeout kostet, ist dies nur solange möglich, sofern noch Timeouts verfügbar sind. Wirft ein Coach die rote Flagge ohne Berechtigung kostet ihn das einen Auftritt bei ESPNs „C’mon man“ und seinem Team 15 Yards Raumstrafe.

Seit einigen Jahren geht die NFL dazu über, immer mehr Spielentscheidungen von einer zentralen Stelle anzweifeln zu lassen. Sogenannte „Wiederholungs-Assistenten“ wachen in einer Kabine im Stadion über die Entscheidungen der Schiedsrichter. Halten sie eine Entscheidung für umstritten (nicht zwangsläufig für falsch), führt dies zu einer sogenannten „booth-challenge“ mit dem selben Prozedere wie bei einer team-challenge mit der Ausnahme, das diese Challenges in ihrer Anzahl unbegrenzt sind und kein Team ein Timeout verlieren kann.

Zunächst fand diese Art der Anfechtung lediglich in den letzten zwei Minuten jeder Halbzeit sowie in der Verlängerung Anwendung. Seit dieser Saison lässt die NFL zahlreiche Spielsituationen von professioneller Stelle aus überprüfen. Hierzu gehören z.B. sämtliche Spielzüge die zu Punkten führten (off/dev. Touchdown, Field Goal, Safety) oder Turnovers (außer Turnover on downs), also gerade die Spielzüge, die bisher besonders häufig von den Trainern angezweifelt wurden.

Diese Art der Kontrolle des Spiels bringt natürlich einige Vorteile auch für die Teams. Trainer müssen nicht mehr abwägen, ob sie eine Entscheidung anzweifeln oder nicht, die Entscheidung wird ihnen abgenommen und sie haben auf keinen Fall einen Nachteil daraus. Auch sind es gerade die oftmals spielentscheidenden Situationen, die unter die Aufsicht der TV-Kameras gestellt werden. Die NFL ist somit vielen anderen Sportarten meilenweit voraus (erinnern wir uns an das jahrelange und immer noch andauernde hin und her im Spiel mit dem runden Ball, um die Einführung von Kameras, Chips oder zusätzlichen Schiedsrichtern). Eine Vorgehensweise, die in einem Sport bei dem es sportlich und finanziell um so viel geht, meines Erachtens nach unverzichtbar ist.

Doch warum lässt die NFL dann nicht gleich sämtliche Situationen „von oben“ überprüfen, zumal mir kein Fall bekannt ist, bei dem dies von den Verantwortlichen übergangen wurde!? Manche argumentieren mit der Attraktivität des Spiels. Zugegebenermaßen: Wenn ein Trainer voller Elan die rote Flagge aufs Feld wirft, schlägt das Herz des Football-Fans höher. Auch das anschließende minutenlange Rätseln gehört irgendwie dazu. Aber trotzdem kann dies aus den oben genannten Gründen (finanzielle Aspekte, Millionen Fans, die an korrekten Entscheidungen interessiert sind) eigentlich kein Argument sein. Interessanterweise waren es die NFL Teams, die vor der Saison einer weiteren Ausweitung der „booth-challenges“ entgegenstanden. Ein stichhaltiges Argument gegen weitere, professionelle challenges, ist sicherlich die Spieldauer. Zusätzliche Kompetenzen für die Wiederholungs-Refs führen schon heute dazu, das wesentlich mehr Spielsituationen angezweifelt werden und somit der Spielfluss immer häufiger gestört wird.

Meiner Meinung nach muss man hier einen Mittelweg finden. Ich würde die jetzigen Kompetenzen der „Replay-Booth“ nicht weiter ausweiten. Zurecht (aus Gründen des Spielflusses) können diese nicht jede x-beliebige Situation anzweifeln. Jedoch sollte auch ein Coach, der bereits drei Mal seine rote Flagge zurecht aufs Feld geworfen hat, nicht dafür bestraft werden. Meine Empfehlung würde daher lauten:
Booth-Challenges: Wie bisher.
Coaches-Challenges: Zwei plus so lange eine weitere, bis er einmal falsch liegt.

Infos zu den entsprechenden Regeln finden sich im NFL-Rulebook (Regel 15, Absatz 9). 

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