‘Sudden Change’-Situationen & Playcalling: Praxis

So, hier der versprochene Praxisteil. In meinem gestrigen Artikel habe ich das Konzept von ‚Sudden-Change‘-Situationen erklärt und darauf hingewiesen, dass Teams in solchen Situationen öfter zu konservativen Playcalls greifen. Nachdem das Coaches Tape endlich in der Gamepass-App auftauchte kann ich euch nun auch an einem Beispiel zeigen, wie Peyton Manning und die Broncos-Offensive sich diesen Fakt zunutze gemacht haben.

Zur Spielsituation: Es steht 10:7 für Denver kurz vor der Halbzeit. Die San Diego Chargers müssen aus ihrer eigenen Hälfte punten. Den Denver Special Teams gelingt es, den Kick zu blocken und somit die zu überbrückende Distanz zur Endzone deutlich zu verringern. Damit hatte niemand gerechnet, eine ‚Sudden Change‘-Situation. Die Broncos haben den Ball an San Diegos 31-Yard-Linie und einen ersten Versuch und zehn zu gehen.

Sowohl aus Clock-Management-Gründen, wie auch aus der konventionellen konservativen Denkweise in solchen Situationen würde für die Broncos ein hochprozentiges Passplay oder ein Laufspielzug viel Sinn machen. Das wissen die Chargers in diesem Moment allerdings so gut wie die Broncos und der überdurchschnittlich versierte Fan auf der Couch. Zu erwarten wäre zum Beispiel ein Wide-Receiver Screen zu Eric Decker wie ich ihn unten auf die Trips-Formation gemalt habe, in der sich die Broncos bei diesem ersten Versuch aufstellten.

Wie im Theorie-Artikel erwähnt, kann es an dieser Stelle durchaus Sinn machen, den Gegner glauben zu lassen man würde ein hochprozentiges Play rennen, nur um ihn mit einem „Shot-Play“ (einem Play-Action Pass oder einem Fake-Screen) auf dem falschen Fuß zu erwischen. Genau das ist, was die Broncos um den „Sheriff“ hier versuchen. Das Play ist ein Fake WR Screen auf den gefährlichen Decker (unterster Receiver). Brandon Stokley (zweiter von unten, blaue Route) und Joel Dreessen (dritter von unten) werden so tun als würden sie für den WR Screen blocken gehen, aber dann auf vertikale Routen releasen.

Die Chargers spielen gegen die Trips wahrscheinlich (mehr dazu später) eine Cover-2 Zonenverteidigung. Die Safetys teilen sich die Tiefe des Feldes, alles darunter wird von Linebackern und Cornerbacks gespielt. Das Play an sich ist schon eher ungeeignet eine Attacke mit drei tiefen Routen zu verteidigen, aber es kommt noch schlimmer als es rein von den X’s & O’s kommen sollte.

Es erfolgt der Snap und die Defense (wahrscheinlich der festen Überzeugung, dass ein hochprozentiger Pass auf sie wartet), reagiert viel zu hart auf Deckers Hitch und Peyton Mannings Pump Fake. Unten einmal ein Screenshot zum Zeitpunkt des angetäuschten Wurfs auf den Screen, wie man sehr gut sehen kann, sind sämtliche Chargers-Verteidiger in Vorwärtsbewegung (gelbe Pfeile) in Richtung Decker (blauer Kreis). Stokley (roter Kreis) muss keine Schauspielschule von innen gesehen haben, um Cornerback Shareece Wright (ja, DER Shareece Wright) und Safety Atari Bigby zu verkaufen dass er zum Blocken in ihre Richtung kommt. Sie interessieren sich eher wenig für das, was er in ihren Zonen tut.

Erst einen kurzen Moment später, nämlich als Peyton Manning erneut ausholt und den Ball in die Luft pfeffert, bemerken sie ihren fatalen Fehler und wechseln die Richtung (weisse Kreise). Bigby ist hier vermutlich mehr Schuld zuzuschreiben als Wright (anders als von den Kommentatoren behauptet). Das kommt allerdings auf den Playcall an. In einer klassischen Cover 2 wäre es Bigbys Aufgabe, Stokley zu covern, sollte der Cornerback aussen allerdings laut defensivem Playcall eine Anpassung an eine tiefe Route machen wäre es Wrights Schuld gewesen. Rein von der Reaktion Wrights her würde ich allerdings davon ausgehen, dass dieser Patzer eher auf Bigby geht. Unten im Bild nun der Spielzug zum Zeitpunkt zu dem Manning den Ball loslässt. Es sieht zwar so aus, als seien Bigby und Wright gar nicht so weit von Stokley entfernt, allerdings befinden sie sich im Stillstand (führen gerade einen Richtungswechsel durch), während Stokley Full-Speed mit zehn Yards Anlauf Richtung Endzone brettert.

Lange Rede, kurzer Sinn: Busted Coverage, easy Touchdown für Stokley, easy Wurf für Manning (ich denke sogar Tebow würd den ab und zu mal completen).

Was sagt uns das? In der NFL kann man es sich zu keinem Zeitpunkt leisten, zu pennen. Man muss als Defender diszipliniert sein, einen Balanceakt schaffen. Besonders wenn man aufgrund einer Situation ein bestimmtes Play erwartet und es den Anschein macht als würde es kommen, muss man die Übersicht bewahren. Und das gilt insbesondere, wenn der Gegner Peyton Manning heisst. Der alte Fuchs.

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3 Antworten zu “‘Sudden Change’-Situationen & Playcalling: Praxis

  1. Gerne mehr davon. Gerade als einsteigender in diesen Sport würde ich gerne mehr über Strategien und Taktiken dieses Sports erfahren, allein die Möglichkeiten sind doch relativ gering (in deutscher Sprache)

  2. Pingback: ‘Sudden Change’-Situationen & Playcalling: Theorie | Hard Count·

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