Heilige Maria! Ein Pass mit Stoßgebet

Viele Football-Fans kennen ihn, jeder Offensive Koordinator hat mindestens einen davon in seinem Playbook und einigen Teams hat er schon den Sieg in letzter Sekunde eingebracht, der sogenannte Hail-Mary-Pass.

Doch was ist dieser Pass überhaupt, wann wird er genau eingesetzt, was hat die heilige Maria damit zu tun und wie sieht so ein Pass in Realität aus? – Eins nach dem anderen:

Die Mutter Gottes für einen Football-Spielzug zu missbrauchen stammt natürlich (oder komischerweise?!) von vornehmlich katholischen Universitäten, die diesen Begriff bereits in den 1930er Jahren dazu verwendeten um recht aussichtslose „tiefe Pässe“ zu bezeichnen. Auch wenn ich glaube, dass dies wohl eher eine Legende ist, denn wer glaubt den ernsthaft, dass in den 30er Jahren der Ball GEWORFEN wurde, etablierte sich der Ausdruck als Football-Ausdruck. Als Roger Staubach (ein Katholik!) 1975 mit einem langen, verzweifelten Pass in die Endzone seine Dallas Cowboys in letzter Sekunde zum Sieg führt und anschließend den Reportern erklärte, er habe zuvor ein „Ave-Maria“ gebetet war der Damm gebrochen.

Doch nun zurück zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens, zum Football und damit zum Design eines Hail-Mary-Passes. Zunächst muss angemerkt werden, dass es den Hail-Mary gar nicht gibt. Ein Hail-Mary ist nichts weiter als die Bezeichnung für einen sehr langen Pass in eigentlicher aussichtsloser Position, am Ende einer Halbzeit und (natürlich) in Rückstand. Außerhalb der Madden-NFL-Welt gibt es wohl auch in keinem NFL-Playbook einen Rubrik „Hail-Mary-Spielzüge“, wobei ich mich gerne eines besseren belehren lasse.

Ein Hail-Mary-Play sieht daher folgendermaßen aus: Meist handelt es sich um einen Spielzug aus der Shotgun. Die 4 (oder 5) Receiver, die entweder in gerader Anzahl oder (besonders wenn der Ball nicht mittig platziert ist) in ungerader Anzahl (3 Spieler auf der „kurzen Seite“ des Feldes, einer auf der langen) laufen eine Post oder eine Streak (Fly, Go) Route.

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Meistens wird mit 4 Receivern gespielt und der Quarterback erhält einen Runningback eine seiner Seite, der eventuell durchbrechende Defensive Lineman aufhalten muss, da er relativ lange Zeit braucht, bis die Receiver die oftmals über 50 Yards downfield gelaufen sind. Da es sich per Definition um den letzten regulären Spielzug handelt kommt ein Sack, ebenso wie ein Tackle im Spielfeld nach einem möglichen Catch nicht in Frage. Der Ball wird nun vom Quarterback in Richtung eines bzw. meist mehrere Receiver geworfen in der Hoffnung (und natürlich mit Gedanken an die Heilige Maria!) irgendjemand bekommt den Ball zu fangen und das am besten noch in der Endzone. Eine weitere Möglichkeit für die Offensive ist eine defensive Pass-Interference auf diesem Play. Da ein Spiel nie aufgrund einer Strafe gegen die Defensive enden kann, hätte die Offensive hier auch bei keiner verbleibenden Spielzeit einen letzten Versuch (optimalerweise von der 1 Yard Linie, wenn das Foul in der Endzone war).

Was macht nun die Defensive gegen derartige Stoßgebete der zurückliegenden Mannschaft kurz vor Schluss. Meisten wird eine sogenannte Prevent-Defensive gespielt, die wir der Name schon sagt etwas (nämlichen den Last-Minute-Touchdown) verhindern soll. Auch wenn der legendäre John Madden über die Prevent sagte „Das einzige vor dem die Prevent bewahrt ist vor dem Sieg“, ist diese Art der Zonenenverteidigung wohl die Effektivste gegen einen Hail-Mary. Bei der Prevent-Defensive mit „Quarter-Package“ versuchen 7 Defensive Backs (Cornerback, Nickelback, Safety) 1 Linebacker und 3 Lineman das Schlimmste zu verhindern. Die DBs spielen tiefe Zonen und versuchen möglichst keinen Offensiven Spieler zwischen sich und die Endzone zu bekommen, der Linebacker lauert auf kurze Pässe und die Lineman machen was sie am besten können; sie versuchen den Quarterback zu fassen zu bekommen. Dies ist meist ein probates Mittel, denn es entsteht somit eine massive Überzahl der Verteidiger gegenüber den Receivern. Auch John Madden bezog seine Aussage nicht auf einen Hail-Mary in letzter Sekunde sondern kritisierte vielmehr, die Taktik der Prevent generell in den letzten Spielminuten einzusetzen (da somit viele kurze vollständige Pässe nacheinander möglich sind). Gestritten wird darüber wie sich die DBs verhalten sollen, wenn der Ball einmal in der Luft ist. Generell gilt: „Schlag den Ball runter.“ Da es sich sowieso um den letzten Spielzug handelt ist der Boden der Ort des Vertrauens für viele Defensive Coordinator, da hier keine Gefahr besteht, dass ein abgefangener Pass wiederum gefumbelt oder ein nur berührter Pass schlussendlich doch von einem offensiven Spieler zum Tochdown gefangen wird. Das dieses „runterschlagen“ des Balles auch schiefgehen kann, zeigt sich in der folgenden Spielzuganalyse.

Beispiel eines Hail-Mary-Passes (Woche 3, Saison 2012, Lions@Titans):

Folgende Situation: Die Lions liegen 7 Sekunden vor Schluss mit 7 Punkten hinten. Der Ball befindet sich an der gegnerischen 46 Yards Linie. Die Lions um Backup-Quarterback Shawn Hill kommen mit einem 4 Receiver-Set (2 auf jeder Seite) aufs Feld. Die Titans rushen lediglich drei Spieler auf den Quarterback und schicken alle anderen in tiefe Zonenverteidigung.

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Nachdem der Spielzug gestartet wird gehen die Receiver auf ihre Routen. Zu diesem Zeitpunkt lässt es sich jedoch noch nicht genau sagen, ob es sich um eine Streak-Route handelt oder eine tiefe Post-Route.

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Die Verteidiger gehen mit und versuchen weiterhin ihre Zonen bestmöglich zu verteidigen. Die Offensive Line der Lions sieht zu diesem Zeitpunkt nicht so frisch aus, sodass Hill einige Kunststückchen vollführen muss um den Titans D-Liniern zu entkommen.

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Hill wird seinen Pass tatsächlich los und feuert genau in die Mitte der Titans Endzone. Jetzt sieht man auch die tiefe Post-Route der Lions Receiver, die jeweils zur Mitte (und somit in Richtung des Balles) laufen. Die Titans Defense sieht an dieser Stelle ganz ordentlich aus.

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Wie auf den Fotos des Game-Tapes zu sehen kommt Hills Pass tatsächlich auch in einem Haufen Spieler an. Nun machen die Titans das, was man ihnen beigebracht hat. Sie hauen den Ball nach unten bzw. sie versuchen es.

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Diesen Ball bekommt Lions Receiver Titus Young direkt in die Arme. Young, der eigentlich am Versuch den Ball zu fangen gar nicht beteiligt war steht somit plötzlich mit dem Ball in den Händen, ein Yard vor der Endzone, da. Sicherlich kann man an dieser Stelle darüber spekulieren, ob OC Scott Linehan absichtlich einigen Spielern vorher klargemacht hatte nicht „in der Luft“ um den Ball zu kämpfen und auf solche Optionen zu hoffen oder aber, ob Young eher zufällig an Ort und Stelle war. Klar ist jedoch, dass ein Receiver auf einem Hail-Mary nicht so sträflich vernachlässigt werden darf, denn:

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Young hat anschließend keine Probleme, mit dem gefangenen Ball in die Endzone zu purzeln und somit den Ausgleich in letzter Sekunde zu erzielen. Youngs anschließenden Dank an Mutter Maria erspare ich der Football-Gemeinde nun.

Fazit: Der Hail-Mary kann gelingen, wenn zu einem präzisen Wurf auch noch das Quäntchen Glück dazukommt. Amen!

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Eine Antwort zu “Heilige Maria! Ein Pass mit Stoßgebet

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