Regel-Ecke #6

– mit aktuellem Beispiel von Week 16 –

An dieser Stelle möchte ich wöchentlich eine Regel aus dem NFL-Rulebook vorstellen und deren Relevanz kurz diskutieren. Bei der Auswahl der Regeln kommen keine besonderen Kriterien zur Anwendung. Die Regeln können enorm wichtig oder auch einfach trivial und allen bekannt sein.

Heute: Vollständiger Pass (Regel 8, Abschnitt 1, Artikel 3)

Spätestens seit dem, in der Football-Welt nur allzu gut bekannten, unvollständigen Pass von Shaun Hill auf Calvin Johnson aus dem Jahre 2011 kennt der gemeine Football-Fan eine „Calvin-Johnson-Rule.“

Warum dieser Catch kein Catch war, möchte ich im Folgenden auch anhand eines Beispiels von gestern erläutern.

Die Regel:

Die Calvin-Johnson-Rule gibt es natürlich nicht in Wirklichkeit. Definiert wird ein Catch im NFL-Regelbuch zunächst folgendermaßen: Ein Catch ist das Besitzerlangen des Balles nach einem Pass, Kick oder Fumble, nachdem der Ball in der Luft war.
Dies erläutert auch, warum es keine Rolle spielt, ob es ein offensiver oder defensiver (Interception) Spieler ist, der den Ball fängt; für alle Spieler gelten die selben Regeln eines (in diesem Falle) vollständigen Passes.

Ein vollständiger Pass ist es erst, wenn ein Spieler
a) mit seinen Händen oder Armen Besitz des Balles erlangt bevor dieser den Boden berührt UND
b) mit beiden Füßen oder jedem anderen Körperteil als den Händen im Spielfeld aufkommt UND
c) lang genug Kontrolle über den Ball hat ((a) und b) müssen erfüllt sein) um zumindest theoretisch irgendeinen football-spezifischen Akt (Pitch, Pass, voranbringen des Balles, Abwehren eines Angriffs des Gegners) durchführen kann (ugs. meist als „second-act bezeichnet). Hierbei ist wichtig, dass der Spieler diesen Akt nicht ausführen muss, er muss nur theoretisch dazu in der Lage sein.

Dies gilt für sämtliche Fangversuche. Wenn z.B. ein Spieler während des Fangens zu Boden geht, muss er während des gesamten Prozesses Kontrolle über den Ball haben. Verliert er den Ball beispielsweise durch den Aufprall (bzw. führt der Bodenkontakt zu einem kurzfristigen Besitzverlust) handelt es sich um einen unvollständigen Pass. Dasselbe gilt für Pässe an der Seitenlinie.

Es ist allerdings ein Catch, wenn a) b) und c) erfüllt sind, der Spieler also vollständige Kontrolle über den Ball hat und der Ball dann den Boden berührt, während der Spieler selbst zu Boden geht (erkennt man in Realität meist dadurch, dass der Ball den Boden zwar berührt, der Spieler aber noch immer eine Hand unter dem Ball hat und dieser sich dann nicht bewegt).

Strafen:

Weil erst Weihnachten war, heute mal keine Strafen 🙂

Warum die Regel wichtig ist:

Warum Fans und insbesondere auch Referees diese Regel möglichst exakt können sollten, kann leicht an einem Beispiel aus Woche 16 veranschaulicht werden.
Wir befinden uns im zweiten Spielviertel der Begegnung New York Giants gegen Baltimore Ravens und Ravens Quarterback Joe Flacco wirft an der gegnerischen 9 Yard-Linie einen schnellen Pass auf Receiver Jacoby Jones.

Bildschirmfoto 2012-12-27 um 17.56.22

Wie man auf dem ersten Bild sehen kann fängt Jones den Ball mit dem Rücken zur Giants Endzone relativ sicher. (Teil a) eines vollständigen Passes erfüllt)

Bildschirmfoto 2012-12-27 um 17.56.39

Bild 2 zeigt das auch Teil b) der Passregel erfüllt es, da Jones ganz eindeutig beide Füße innerhalb des Spielfeldes hat.

Bildschirmfoto 2012-12-27 um 17.56.53 Bildschirmfoto 2012-12-27 um 17.57.00

 

Strittig wird es nun bei Bild 3) und 4) und der Frage, ob auch Teil c) eines vollständigen Passes erfüllt wurde. Wie zu sehen hechtet Jones mit dem Ball in der Hand über die Goalline um einen Touchdown zu erzielen. Dieser wird ihm auch zunächst zuerkannt, er bekommt ihn allerdings nach der Sichtung der Fernsehbilder durch den Referee wieder weggenommen.

Die Refs hatten hier eine schwere Entscheidung zu treffen und entschieden folgendermaßen: Durch den Verlust des Balles beim Fallen hatte der Spieler nicht während des gesamten Prozesses Kontrolle über den Ball. Ich (und einige wirkliche Experten) bin allerdings der Meinung, dass der Prozess des Fangens bereits mit dem Ausstrecken des Armes von Jones in Richtung der Giants Goalline abgeschlossen war. Dies ist für mich ein sogenannter „second act“, mit dem Jones versuchte einen Touchdown zu erzielen, was ihm zunächst auch gelang. Der Schiedsrichter war anderer Meinung und verkündete dem Publikum er habe keinen „second act“ wahrnehmen können. Sicherlich eine vertretbare Entscheidung, wenn dies die erste Entscheidung gewesen wäre. Da die Änderung der ursprünglichen Entscheidung durch Videobeweis jedoch Zweifelsfreiheit verlangt, halte ich sie zumindest für fragwürdig.

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5 Antworten zu “Regel-Ecke #6

  1. Hatten sie bei der 2 Pt.-Conversion beim Super Bowl zw. IND und NO nicht auf erfolgreich entschieden, da bei überschreiten der Endzone der Spielzug automatisch zu Ende ist und alles was danach geschieht nicht mehr relevant (Shockey verlor damals beim berühren des Bodens den Football)?

    • Das stimmt nur teilweise. Beim überqueren der Goalline ist es nur dann sofort vorbei, wenn der Ballträger zuvor „Runner“ war, also der Ball in die Endzone „getragen“ wurde. In diesem Fall haben sie halt entschieden, dass der Fangprozess noch nicht abgeschlossen war…

  2. Benni, könntest Du noch sagen, was man meint, wenn man von der sogenannte „Calvin-Johnson-Rule“ spricht, auch wenn diese natürlich nicht als Regel existiert?
    Danke!

    Axel
    Da

    • Was der Volksmund als „Calvin-Johnson-Rule“ bezeichnet, ist die die Tatsache dass man für einen complete Pass, den PROZESS des fangens abgeschlossen haben muss, und ein neuer Prozess (second act) eingeleitet sein muss. Die Bezeichnung geht zurück auf diese entscheidende Situation am Enede eines Spiels gegen die Bears letztes Jahr, in dem beim spielentscheidenden Touchdown von den Schiris gerult wurde, dass Calvin den Prozess nicht abgeschlossen hatte, als der Ball verursacht durch den Boden die Hand verlässt.

  3. Pingback: Regel-Ecke #7 | Hard Count | A German NFL Blog·

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