Flacco vs. Kaepernick – Der Superbowl QB-Vergleich

Liebe Leute, es ist Superbowl-Week! Das heißt es ist Zeit für Vorfreude, Tailgaiting und jede Menge Berichterstattung, ob wir/ihr wollen oder nicht. Da ich das Gekreische um Ray Lewis nicht mehr hören kann (ja, er ist eine der besten Spieler aller Zeiten, aber es nervt mich), folgt heute hier ein Artikel über die wirklich wichtigen Protagonisten des Superbowl 46, denn die NFL ist eine Quarterback-Liga (/Phrasendrescher aus):

Joe Flacco vs. Colin Kaepernick – Vergangenheit und Gegenwart:
1. Wo kommen die eigentlich her?

Flacco:
Der 28-jährige Joseph Flacco hat im Gegensatz zu seinem Kontrahenten ein klares Erfahrungs-Plus. Zunächst als Quarterback an der University of Pittsburgh, wo man ihn den Ball nicht werfen lassen wollte und er als Backup von Tyler Palko (hat in seinem Leben mehr INTS als TDs auf dem Konto) fungierte, transferierte er (untypisch für den College-Sport) an die University of Delaware. Auch an diesem FCS-College (so zusagen die zweite Garde der Division I College-Liga) brauchte Joe einige Zeit um Fuß zu fassen. Er brachte in der letzten Saison seiner College Karriere aber beeindruckende 44 Touchdowns bei nur 4 Interceptions und einem Passer Rating von 144,9 (NCAA-Rating, der Rekord steht bei 191,8).
Als Reaktion darauf wurde er trotz seiner nicht prototypischen College-Karriere von den Baltimore Ravens im NFL Draft 2007 an 18. Stelle in der ersten Runde ausgewählt.

Seit diesem Tag stand Joe Flacco in jedem Spiel von Beginn an für die Ravens auf dem Platz und erreichte mit seinem Team jede Saison die Playoffs und gewann dort auch immer mindestens ein Spiel. Dies brachte im zahlreiche NFL-Rekorde ein. Flacco hat in seiner Karriere ungefähr doppelt so viele Touchdowns wie Interceptions erzielt und ein Passer Rating von 86,3 erreicht.

Kaepernick:
Collin Kaepernick ist im Gegensatz zu Joe Flacco erst 25 Jahre alt und hat auch deutlich weniger Spielpraxis vorzuweisen. Im Gegensatz zu Flacco erhielt Kapernick lediglich ein einziges College-Angebot und spielte daraufhin Football für das Wolf Pack aus Nevada. Auch diese boten ihm dieses Football-Stipendium mehr mit dem Hintergedanken eines Wechsels zum Basketball oder Baseball an. Doch bereits im zweiten Jahr seiner College-Karriere konnte Kapernick überzeugen und erzielte schlussendlich in seiner Abschlusssaison Traumstatistiken: Über 3000 Yards Passing, über 1200 Yards Rushing, 21TDs durch die Luft und 20 mit den Beinen sowie ein Passer-Rating von 150,5. Auch Kaepernick konnte sich somit nach einer nicht ganz prototypischen College-Karriere beruhigt zum NFL-Draft anmelden und wurde 2010 von den 49ers zu Beginn der zweiten Runde (36. Platz) gedraftet. Hier verbrachte er seine Zeit bis zur Mitte dieser Saison als Backup von Alex Smith, ist allerdings seit dessen Verletzung (gepaart mit „Kaeps“ tollen Leistungen) gesetzter Starter der 49ers.

2. Film Room, aktuelle Form und Superbowl Vorschau:

Flacco:
Flacco ist meiner Einschätzung nach einer der am meisten unterschätzten QBs der Liga. Spätestens mit dem Superbowl-Run der Ravens haben jedoch auch die meisten Analysten ruhigere Töne angeschlagen. Seine aktuelle Bilanz ist makellos. In den Playoffs stehen 8 Touchdowns ganzen 0 Interceptions gegenüber. Auch sein QB-Rating von 114,7 spricht für Flacco. Zeigt er eine Top Tagesform und legt dazu seine Erfahrung in die Wagschale sollte Joe auch im Superbowl nicht unterschätzt werden.

Flacco gilt als klassischer Pocket-Passer. Im Gegensatz zu seinem Superbowl-Kontrahenten Kaepernick hat er in seiner ganzen NFL Karriere weniger Rushing Yards gesammelt als Kaep in seinen ersten 15 Spielen. Obgleich Flacco nicht wie ein Muskelpaket daherkommt hat er einen wahnsinnigen Arm. Gepaart mit einer starken Baltimore O-Line und eventuell zusätzlichen blockenden Running Backs macht es sich der 2 Meter Riese des Öfteren in der Pocket gemütlich und wartet auf den einen freien Mitspieler. Auch das Baltimore Offense-Playbook ist in vielfältiger Weise (natürlich neben einem starken Run-Game) auf Flaccos Pocket-Passing eingestellt.

Zur Verdeutlichung dieser Qualität und eines typischen Flacco Spielzuges hier ein Beispiel aus dem Playoff Spiel gegen die Broncos. Um nicht zu sehr auf die komplette Matchup-Analyse einzugehen und bei dem QB-Vergleich zu bleiben beschränke ich mich bei meiner Spielzuganalyse auf ein typisches Flacco Play:

Bei erster Versuch und 10 an der gegnerischen 32 schicken die Ravens Flacco in die Shotgun. Neben den 4 Receivern, die allesamt geradeaus laufen (Four Verticals) bekommt Flacco noch Ray Rice als Blocker zur Seite gestellt. Die Strategie ist klar. Vertrau dem Arm deines QB.

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Die Broncos schicken nur vier Mann in Richtung Flacco, selbst der Middle-Linebacker begnügt sich mit der Coverage von Ray Rice.

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Wie zu sehen hält die Pocket dem 4-Mann Angriff lang genug stand und Flacco hat genug Zeit einen seiner Receiver auszuwählen. Insgesamt hat sich Flaccos Bewegung und Übersicht in der Pocket in den letzten Jahren deutlich verbessert. Nichtsdestoweniger befinden sich immerhin 8 Mann mehr oder weniger in Coverage. Es kommt also a) auf Flaccos Spielübersicht und b) auf seine Wurfqualitäten an.
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Flacco trifft in diesem Moment die Entscheidung zu Torrey Smith zu werfen. Trotz des immer näher kommenden Pass Rusher erkennt er die einzige kleine Lücke in der Broncos Passverteidigung. Es ist der Safety, der sich entscheiden muss, wem er hilft (gelbe Pfeile). Beide Receiver haben einen leichten Speed-Vorteil gegenüber den DBs und Flacco erkennt, dass der Safety auf einen kürzeren Pass spekuliert. Somit hat er seine 1 gegen 1 Situation, und wirft einen perfekten tiefen Pass auf Smith – Resultat: Touchdown Ravens.

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Kaepernick:

Colin Kaepernick hat zweifelsohne eine beeindruckende Saison hinter sich. Zuerst einen Starting-QB verdrängt, der sein Team letztes Jahr immerhin ins Conference -Championship geführt hat, setzte es als nächstes eine perfekte Playoff-Performance mit einem All-Time-Rushing-QB-Record (in einem Spiel) gegen die so stark eingeschätzten Packers.

Kaepernicks Spielweise ist schwer zu beschreiben. Zum einen muss man sich auf wenige Spiele beschränken und zum anderen gibt es von ihm nicht den einen typischen Spielzug. Da Flo ja bereits vor einigen Tagen einen Artikel zu Qualität von Kaepernicks Laufspiel bereitgestellt hat, möchte ich mich nun auf den „passenden“ Collin fokussieren.

Im Gegensatz zu Flacco ist Kaepernick kein Pocket Passer. Die Plays, die 49ers OC Greg Roman für ihn aussucht, setzten sich neben den erwähnten Read-Option Plays vor allem aus kurzen (Play-Action) Pässen sowie mittellangen Pässen über die Mitte (siehe Abschnitt Vernon Davis) zusammen. Seine Wurfqualitäten sind denen Flaccos m.E. nach unterlegen, jedoch wiegt seine Flexibilität alles mit dem Ei machen zu können, dies wieder auf.

Als Beispiel dafür, wie die Angst vor Kaepernicks Beinen und generell dem Running Game der 49ers, auch Passspielzüge für Kaepernick extrem effizient sein können, habe ich einen Touchdown Pass aus dem Conference-Championship Spiel gegen die Falcons ausgewählt.

Ausgangsposition ist ein erster Versuch und Goal an der Falcons 4Yard-Linie. Die 49ers schicken schweres Personal aufs Feld und Frank Gore steht hinter seinem Fullback in der I-Formation. Die gelben Linien zeigen die Routen der Receiver und die blauen Linien die Fake-Route der beiden Runningbacks.

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Der Spielzug beginnt und somit auch die Play-Action. Der Fullback schickt sich an ein Loch freizublocken, Kaepernick täuscht den Handoff auf Gore vor (roter Kreis Mitte). Die beiden Linebacker beißen zu und machen sich auf in Richtung Point-of-Attack um den Run zu stoppen (blauer Kreis und Pfeil). Die beiden Receiver laufen ihre Routen weiter um die Cornerbacks weg vom Geschehen zu locken. Soweit so normal. Auch ich würde als Falcons DC in so einer Situation viele Leute durch die Mitte schicken, insbesondere wenn der RB Frank Gewalt heißt. Die Sauerei der 49ers beginnt aber erst noch. Im zweiten roten Kreis sieht man 49ers TE Vernon Davis, der zumindest so tut als würde er seinen Gegenspieler blocken und somit den Run ermöglichen. IMG_0020

Nun beginnt das Schauspiel. Davis löst seinen Block auf und macht sich auf den Weg in die Flats (roter Kreis). Seine Route ist genau so geplant und sein Gegenspieler macht sich daraufhin auf den Weg zu Kaepernick. Dieser hat aber noch genug Zeit um nach rechts zu laufen.

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Der Einzige der Davis nun noch an seiner Route hindern kann ist Falcons LB Stephen Nicholas (im Bild oben direkt neben Davis im roten Kreis, unten im unteren blauen). Doch hier zeigt sich nun die Angst vor Kaepernicks Füßen. Anstatt dem ausgebüxten Davis zu folgen macht sich Nicholas auf den Weg zu Kaepernick um diesen an einem möglichen Scramble in Richtung Endzone zu hindern. Einzig Safety William Moore hat das Playdesign jetzt durchschaut und macht sich auf den Weg in Richtung Davis (oberer blauer Kreis und Linie). Doch Davis ist bereits zu weit weg und Kaepernick hat keinerlei Probleme den Ball in dessen Hände zu befördern woraufhin dieser in die Endzone läuft.

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Die 49ers Strategie ging hier perfekt auf. Alle haben Angst vor unserem Laufspiel (Gore und Kaepernick) – also lasst uns den Ball werfen. Klingt komisch – klappt aber super.

3. Fazit:

Flacco ist in der Form seines Lebens, Kaepernick reitet auf seiner Momentum-Welle . Ich erwarte von beiden ein großes Spiel und wie so oft in solch spannenden Spielen wird derjenige gewinnen, der weniger Fehler macht. Insgesamt halte ich die Spielweise und auch das Playdesign von Kaepernick und den 49ers für weniger Fehleranfällig, sie sind nicht auf tiefe Pässe angewiesen und können die gealterte Ravels Linebacker-Abteilung mit Davis super beschäftigen. Ich lehne mich daher weit aus dem Fenster und prophezeie einen Sieg für den Jungspund.

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