Football für Fortgeschrittene I – Das Vokabular der „neuen“ NFL-Offenses

Offseason. Football-Frühjahrsputz. Groß habe ich rumgetönt, dass ich zu dieser Zeit ein paar Grundlagenartikel schreiben würde, die auch auf die Fragen von Lesern eingehen würden. Long time no see…äh read aber hier bin ich mit der ersten Instanz dieser „Serie“.  Dieser Artikel geht auf Anmerkungen von den Lesern Michael Buchner und „AR12“ zurück, danke für die Anregungen! Ich hoffe ihr findet den Eintrag hilfreich.

„Spread“

„Spread“ bedeutet zunächst einmal nichts anderes als „verteilt“ oder „ausgeweitet“ und bezieht sich im Footballkontext auf die Verteilung der Offense-Spieler auf dem Footballfeld. In seinem Ursprung bezieht sich der Begriff Spread also lediglich auf eine Formation, und NICHT auf bestimmte Spielzüge oder ein bestimmtes Spielsystem, wie der gebräuchliche Begriff Spread-Offense impliziert. Bei einer Spread Formation befindet sich der Quarterback in der Regel in der Shotgun (steht 5-7 Yards hinter dem Center). Die äußersten Spieler, die Wide Receiver/Tight Ends/Running Backs (aka „Skillplayer“) stehen weit weg von der Offensive Line.

Spread-Formationen sind in der NFL keine Neuheit und werden seit langem gebraucht um entweder Platz für das Laufspiel oder größere Fenster für das Passspiel zu kreieren. Das oft zitierte Credo hierbei lautet „get playmakers in space“. Anbei zwei Beispiele aus der abgelaufenen Saison für NFL-Teams, die Spread-Formationen benutzen:

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„No Huddle“

Bei „No Huddle“ geht es wie der Name unmissverständlich mitteilt darum, keine Spielzugbesprechung in der Offense zu machen, sondern direkt nach dem abgelaufenen Spielzug wieder an die Line zu gehen und so schnell wie möglich das nächste Play zu rennen. Warum sollte man so etwas tun? Zum einen lässt es der Defense kaum/keine Zeit zum Auswechseln, zum Anderen zwingt man unvorbereitete Defenses dazu, verhältnismäßig simple Coverages und Run-Fits zu spielen, die keiner großen Absprache bedürfen.

Das No-Huddle-Konzept wird uns von den Football-Pundits zu unrecht als Innovation verkauft. Bereits in den 90er Jahren ritten die Bills unter Quarterback Jim Kelly auf dem Rücken ihrer eigenen No-Huddle-Offense („K-Gun“ genannt) vier Mal bis in den Superbowl, wo ihnen tragischerweise die Lombardi jedes einzelne Mal verwehrt blieb. In der jüngeren Geschichte sind vor allen Dingen Tom Bradys Patriots und Peyton Mannings Colts mit No-Huddle-Ansätzen erfolgreich gewesen.

„Pistol“

Genau wie „Spread“ bezieht sich der Begriff „Pistol“ eher auf eine Formation als ein ganzes Offensivsystem. Der Unterschied zwischen der Pistol- und der regulären Shotgun-Formation ist, dass der Quarterback einen Tick näher am Center steht und der Running Back direkt hinter dem QB steht, anstatt direkt neben diesem (woher auch der Name Shotgun kommt, falls es jemanden interessieren sollte).

Diese Formation wurde populär gemacht von Colin Kaepernicks altem College-Coach in Nevada, Chris Ault (inzwischen im Ruhestand). Die 49ers nutzten Colins Erfahrung mit der Formation und ihren Eigenheiten zu ihrem Vorteil, indem sie besonders zum Ende der Saison einige Spielzüge aus der Pistol spielten.

Gegenüber der normalen Shotgun-Formation hat die Pistol den Vorteil, keine Richtungstendenzen anhand von Platzierung des Running Backs (rechts / links) preiszugeben. Auch kombiniert sie den Vorteil der Shotgun (gute Übersicht für QB) mit den Vorteilen einer konventionellen Singleback-Formation (Running Back erhält den Ball bereits mit Schwung/Anlauf).

Anbei zwei verschiedene Versionen der Pistol-Formation, die die 49ers in einem Spiel spät in der Saison gegen die Patriots einsetzten:

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„Read Option“

Das größte Gespenst zum Schluss. Vieles wird „Read Option“ genannt von den Talking Heads der Football-Landschaft. Sobald ein Quarterback zu Fuß ein paar Yards geht, wird ihm der Read-Option-Stempel aufgedrückt und ihm fast gleichzeitig seine Passer-Qualitäten abgesprochen. Was bedeutet aber „Read Option“, wenn sich der Nebel verzieht?

Im Gegensatz zu „Spread“ oder „Pistol“ handelt es sich bei einer „Read Option“ nicht um eine Formation, sondern um ein Konzept, das sich in alle möglichen Spielzüge aus allen möglichen Formationen einbauen lässt. Ein grundlegendes Element ist hierbei immer gleich: Ein bestimmter Verteidiger wird von den Offensivspielern nicht angefasst, sondern (in der Regel vom Quarterback) „gelesen“ und dadurch neutralisiert. Wie sich der Offensivspielzug entwickelt, hängt vom Verhalten dieses ungeblockten Defensiv-Spielers ab.

Der populärste Read-Option-Spielzug ist wahrscheinlich der Zone-Read, bei dem der Backside-Defensive-End gelesen wird, den ich schon einmal hier unter Punkt 2) erklärt habe. Im Endeffekt sind der Kreativität aber keine Grenzen gesetzt, man kann effektiv Defensive Tackles lesen, Outside Linebacker oder auch Inside Linebacker. Die „Option“ kann wie beim Zone-Read in einem anderen Lauf bestehen, kann aber auch durchaus ein Passspielzug sein, wie ich schonmal am Beispiel der Redskins-Offense deutlich gemacht habe. Wer mehr über fortgeschrittene Option-Konzepte wissenmöchte/sehen will, dem empfehle ich diesen Artikel.

Wichtig zu merken bleibt: Nicht jeder Quarterback-Run ist ein Read-Option Spielzug und nicht jeder Read-Option-Spielzug beinhaltet einen Quarterback-Run als Option. Klingt kompliziert, ist es aber nicht.

Ich hoffe, dieser Eintrag hat einige Begrifflichkeiten geklärt! Wenn ihr noch Fragen zu den Konzepten habt, bitte in die Comments schreiben! Ich liefere gern noch nen Nachschlag, wenn ich an manchen Stellen zu oberflächlich oder auch zu komplex geschrieben haben sollte.

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5 Antworten zu “Football für Fortgeschrittene I – Das Vokabular der „neuen“ NFL-Offenses

  1. vielen Dank, großartig. weil es sich zufällig vielleicht ergibt: Gibt es eine brauchbare Football-Lektüre, um tiefere Kenntnisse zu erlangen? besonders in taktischer Hinsicht, Formationen, Strategien, gerne auch Englisch.

  2. Als erstes fallen mir ein: Buch: Pat Kirwan – Take your eyes off the ball; online definitiv der smartfootball blog von chris brown (gibt auch ein buch von ihm) und als podcast definitiv „Shutdown Corner“ von yahoosports, doug farrar und greg cosell

  3. Pingback: FfF II – Personalpakete Offense und Defense | Hard Count | A German NFL Blog·

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