Frontloading the Draft – Pro und Contra der Vikings-Draftstrategie

Die Vikings haben durch ein aggressives Manöver in der ersten Runde des NFL -Draft in der Nacht von Donnerstag auf Freitag für Aufsehen gesorgt. Mit dem Meister des Draftpick-Sammelns Bill Belichick und seinen New England Patriots tauschten sie ihren Zweit-, Dritt-, Viert- und einen Siebtrundenpick gegen den 29th Pick overall, am Ende der ersten Runde.

cordarelle

Mit diesem wählten sie den Tennessee-Receiver Cordarelle Patterson. Nur ein paar Picks zuvor (#23 und #25) wählten die durch den Percy Harvin-Trade sowieso schon mit zwei Erstrundenpicks ausgestatteten Wikinger Florida-Defensive Tackle Shariff Floyd (galt vor Donnerstag als Top10-Talent) und Florida State-Cornerback Xavier Rhodes.

Soviel zu den Fakten. Nun zu den Reaktionen. Die vorherrschende Meinung auf Twitter war, dass sich die ‚dummen‘ Vikings vom Großmeister Belichick übers Ohr hauen ließen. Nach dem Motto: ‚Kluges Team nutzt dummes Team aus‘.

 War der Trade wirklich so dumm?

Die klassische Art und Weise, den Wert von Draftpicks zu vergleichen ist die NFL Draft Value Chart. Sie weist jedem Pick im Draft einen Wert zu, um so den Wert von Picks miteinander vergleichen zu können. Wenn man die beiden Seiten des Trades mit einer einfachen Rechnung vergleicht, wird schnell klar: So dumm war der Trade nicht.

Vikings erhalten:    #29 Pick (Wert: 640)

Patriots erhalten:   #52 (380), #83 (175), #102 (92) und #229 (höchstens 1) = 648

Die Patriots „gewinnen“ an diesem Trade also zwischen sieben und acht Punkte, das entspricht dem Wert eines mittleren Siebtrundenpicks.
Diese Werte sind allerdings nur ein Richtwert. Ich sage, dass die Vikings der eindeutige Gewinner in diesem Trade sind. Die Besonderheit dieses Drafts war, wie vorher gut dokumentiert wurde, dass grob gesagt wenig Unterschied zwischen Picks 5-32 herrschte. Das Ende der ersten Runde (also die Region in der die Vikings drei Picks machten) wurde von den Experten als „Sweet Spot“ des Drafts ausgerufen. Würde man also den zugegebenermaßen extremen Weg gehen und für Picks 5 bis 32 den Mittelwert errechnen, wäre der Wert jedes Picks zwischen #5 und #32 980 Punkte. Die Vikings würden also einen satten Gewinn machen, wären die Picks zwischen #5 und #32 tatsächlich gleich viel wert (Andy, hau mir bitte auf die Finger, sollte dir das hier methodisch zu wild sein). Natürlich war nicht jeder Pick zwischen #5 und #32 das Gleiche wert. Was ich mit diesem Gedankenexperiment allerdings sagen wollte, war dass eine „angepasste“ Draft Value Chart für diesen Draft die Vikings als Sieger dieses Trades gesehen hätte. Ob nun in oben genannter oder in abgeschwächter Höhe darf gerne in den Kommentaren ausdiskutiert werden.

Die Wahrscheinlichkeitstheorie

Kritik am Trade kann man (zumindest theoretisch) aus Sicht der Wahrscheinlichkeitsrechnung üben, wie korsakoff bereits Freitag Nacht angemerkt hat. Es ist sehr schwer, menschliche Performance, die weit in der Zukunft liegt, vorherzusagen. Es scheint also sinnvoll, sich viele Möglichkeiten (in diesem Fall Picks) offenzuhalten, einen großen Fang zu machen. Einer von diesen vielen Picks sollte durch die Kumulation der Wahrscheinlichkeiten mit hoher Wahrscheinlichkeit einschlagen.

Ich will allerdings ein Argument gegen die Wahrscheinlichkeitsritter in die Schlacht führen (merkt man mir den hohen Game of Thrones-Konsum an?): Wir können in der NFL nicht ewig kleine Wahrscheinlichkeiten kumulieren weil wir Rosterbegrenzungen haben. Jedes Team muss am Anfang der Saison seine Spieler auf 53 runtergecuttet haben. Klar, es gibt darüber hinaus Möglichkeiten, Spieler auf irgendwelchen Listen zu „parken“ (Victor Cruz und Jeff Demps können ein Lied davon singen) aber das geht nur in Einzelfällen.

 Das Rostersize-Argument

Hätte man Roster von 500 Mann wäre das Argument der Wahrscheinlichkeitsfraktion deutlich gültiger. Man könnte alle seine 1st, 2nd, 3rd, 4th und 5th round Picks wegtraden für 100 Sechst- und Siebtrundenpicks. Nach ein paar Jahren hätte man tatsächlich ein Team aus Tom Bradys (6. Runde), Arian Fosters (UFA), Jay Ratliffs (7. Runde), Marques Colstons (7. Runde), Matt Birks (6. Runde) und Wes Welkers (UFA).

Mein Ansatz wäre es also zu sagen, dass es auf die Roster- und Capsituation eines Teams ankommt, welche Strategie es beim Draft verfolgen sollte. Darüber hinaus könnte man auch noch einmal den restlichen Draft der Vikes unter die Lupe nehmen:

Restliche Draftbeute

Schauen wir uns noch einmal die Ausgangssituation der Vikes an vor dem Draft. Sie hatten elf Picks:

1.Runde:  #23, #25
2.Runde: #52
3.Runde: #83
4.Runde: #102, #119
5.Runde: #150
6.Runde: #181
7.Runde: #199. #215, #217

Und folgende Needs:

ILB
OG
WR
CB

Nach der spektakulären ersten Runde (DT, CB, WR) waren es vor allen Dingen noch Guard und Linebacker, die gebraucht wurden – Positionen von eher niedrigem Wert, mit denen man sich in den späteren Runden jeweils doppelt versorgte. Das sind beides Positionen, auf denen man mit einem JAG (just a guy) durchaus eine anständige Saison spielen kann

Im Gegensatz zu den meisten Meinungsführern halte ich die Vikings-Strategie bei diesem Draft also für klug und angebracht (unabhängig ob Patterson einschlägt). Es kann gut sein, dass GM Rick Spielman nächstes Jahr auf eine andere Strategie setzen muss und wird.

Keine pauschalen Gesetze

Insgesamt würde ich behaupten, dass sich eine gute  Draftstragie nicht auf „Heruntertraden ist gut“ herunterbrechen lässt. Faktoren wie Needs, Capspace,theoretisch freie Rosterplätze und vor allen Dingen auch der Gegenwert des Hoch- bzw. Heruntertradens müssen mit einberechnet werden. Allerspätestens wenn zu viele Teams anfangen, das Heruntertraden als das Nonplusultra der Draftnacht zu sehen, wird der berüchtigte „Heruntertrader“ Belichick einer der ersten sein, der durch Hochtraden zusätzlichen Value einstecken wird.

Auch wenn beim Draft vieles zufällig und unvorhersehbar ist, eines ist für mich klar: Situationsabhängige Strategiewechsel werden festgesetzte Draft-Dogmen über kurz oder lang locker in die Tasche stecken.

Die besondere Struktur des Drafts, die vielen Picks der Vikings und die Needstruktur der Vikings machen den Move für mich zu einem „Winner“. Good Job Rick Spielman!

Disclaimer: Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass bei mir als Minnesota-Symphatisant kognitive Dissonanz bei dieser Einschätzung eine zu große Rolle spielte.

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3 Antworten zu “Frontloading the Draft – Pro und Contra der Vikings-Draftstrategie

  1. Pingback: Haben die Minnesota Vikings richtig gehandelt? | Sideline Reporter·

  2. Ich hau dir nicht auf die Finger 😉 Für eine knappe Betrachtung kann man das schon so annehmen, wobei die Frage ist, ob die Spieler wirklich alle gleich viel wert sind oder das nur ein subjektiver Eindruck ist.

    Analytisch gesehen haben die Vikings das Ding auf den ersten Blick richtig gut durchgezogen: wie du schon erwähnt hast, haben sie nach dem traditionellen Draft Value Chart etwa einen mittleren Siebtrundenpick „verloren“.

    Man kann das ganze aber auch etwas professioneller aufziehen, wie die Jungs von Harvard College Sports Analysis es gemacht haben. Die haben als Maß für den Wert eines Picks den Approximate Value von Pro-Football-Reference benutzt und den für alle Picks angeschaut (Chase Stuart von Football Perspective hat das auch schon so in der Art gemacht).
    Dadurch hat man insgesamt einen höheren Wert für spätere (nach Top 10) Picks.

    Schaut man sich das an, haben die Vikings etwa 384.9 Punkte „bezahlt“ und 208.7 Punkte bekommen, eine satte Differenz, die in etwa dem ersten Pick in Runde 2 entspricht!

    Die Vikings haben also kräftig draufgezahlt. Das kann ein Nachteil in der Zukunft sein, genauso kann aber Patterson genau der Spieler sein, den die Vikings für eine Top-Offense brauchen.

    Man kann versuchen den Draft als Markt zu betrachten, wird aber immer wieder auf Probleme stoßen, da er sich dramatisch ändert (jedes Jahr andere Spieler, Teams sind im Umbruch) und sich daher nicht so einfach eine ideale Taktik modelliert werden kann.

    Im Draft bin ich der Meinung, dass ein Team einen Spieler den sie unbedingt haben wollen auch nehmen sollte, wenn sie die Chance dazu haben. Ob das nun ein Reach ist oder nicht, zeigt eh erst die Zukunft.

    Ich persönlich fand das aggressive Vorgehen der Vikings gut, auch wenn man durchaus mit harten Fakten dagegen argumentieren kann. In ein, zwei Jahren werden wir es wissen, wer den Trade „gewonnen“ hat.

  3. Als kleine Ergänzung zu meiner Ausführung von gestern nochmal ein Zitat von Bill Belichick nach dem Vollmer-Pick:

    „The question is always, “How much do they like him and where are they willing to buy?’ I’m sure for some teams it was the fourth round. For some teams it was the third round. But we just said, ‘Look we really want this guy. This is too high to pick him, but if we wait we might not get him, so we’re going to step up and take him.’

    “And sometimes when you do that you’re right and sometimes when you do that you’re wrong and everybody looks at you like, ‘Damn, you could have had him in the fourth.“

    (gefunden bei codeandfootball.wordpress.com)

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