So kann es nicht weitergehen! – Warum die größte Sportliga der Welt dringend Veränderungen braucht.

Die NFL ist mit Abstand die größte Sportliga der Welt. Sowohl gemessen an der Anzahl der Zuschauer als auch wenn es um´s Geld geht. Es geht um Milliarden(!) Dollar an TV-Verträgen, um unzählige Millionen an Spielergehältern und um mehrerer hundert Millionen Fans, allein in den USA. Doch die NFL hat ein Problem: Ihr Management ist bestenfalls drittklassig.

Als vor einigen Monaten die – jahrzehntelang totgeschwiegenen – Fälle von (häuslichen) Gewaltverbrechen mit den Fällen um Ray Rice, der seine Verlobte in einem Fahrstuhl bewusstlos schlug, sowie Adrian Peterson, der seinen Sohn mit einem Rohstock verprügelte, erstmals dauerhafte Spielsperren nach sich zogen, ging ein Aufschrei durch die NFL. Commissioner Rodger Godell versprach Abhilfe, eine große Kampagne gegen häusliche Gewalt wurde auf die Beine gestellt, nachdem eben dieser oberste aller Ligabosse jahrelang auf diesem Auge blind war. Ein paar Monate später scheint das Thema wieder vergessen zu sein – Ray Rice dürfte mittlerweile sogar wieder in der NFL spielen, wenn ihm ein Team einen Vertrag anbieten würde.

Allenfalls drittklassig reagieren die NFL-Offiziellen auch auf die seit Jahren unterirdischen Schiedsrichterleistungen. Kein Wochenende vergeht ohne haarsträubende Entscheidungen der Männer in schwarz-weiß, die nicht selten einem Team den Sieg kosten.

Auch hier wurde mit dem Play-off-Spiel am vergangenen Sonntag zwischen den Dallas Cowboys und den Detroit Lions ein Negativhöhepunkt erreicht. Die Lions bekamen zur Mitte des letzten Viertels mit Führung und Ballbesitz beim dritten Versuch eine Passbehinderung gegen Tight End Brandon Pattigrew zugesprochen. Pete Morelli, der sogenannte „Whitehead“, wie der verantwortliche Schiedsrichter ob seiner weißen Mütze genannt wird, verkündete dies wie immer via Mikrofon. Doch eine halbe Minute später nahm Morelli die Strafe nach Beratung mit einem anderen Schiedsrichter ohne Begründung zurück. Anstelle eines neuen ersten Versuchs in aussichtsreicher Position mussten die Lions den Ball punten, nur um im darauf folgenden Angriff der Cowboys den spielentscheidenen Touchdown hinnehmen zu müssen. Hinzu kam, dass auf eben diesem letzten Spielzug ein offensichtliches Halten bei drittem Versuch der Cowboys nicht geahndet wurde. Detroit wurde zu Ende des Spiels also vermutlich mehrfach um den Sieg gebracht. Stattdessen zogen die Cowboys in die nächste Runde ein.

Die Netzgemeinde reagierte mit einer Mischung aus Wut, Spott und Verzweiflung. Es wurde zudem auf einige weitere nicht bestrafte Fouls hingewiesen, insbesondere das illegale Betreten des Feldes durch Dallas Wide Receiver Dez Bryant, nachdem dieser seinem Unmut über die zunächst ausgesprochene Passbehinderung gegen sein Team Luft machen wollte. Auch dieses Foul hätte den Lions neue vier Versuche eingebracht.

Die NFL Führungsebene hat mittlerweile in Person ihre Vizepräsidenten für Spielregeln Dean Blandino die Fehler eingestanden. Doch hilft solch eine Entschuldigung per Pressemitteilung weder dem Team noch den Spielern und den Fans schon gar nicht. Wie auch die Skandale um häusliche Gewalt durch Spieler werden diese Spielszenen wohl in wenigen Wochen wieder vergessen sein. Aber genau hier liegt der Fehler!

Pete Morelli und seine Kollegen stehen nämlich nur exemplarisch für die vielen verheerenden Schiedsrichterleistungen der letzten Jahre. Fehlentscheidungen gehören zum Sport dazu, werden manche sagen und dieser Einwand ist natürlich völlig berechtigt. Nur muss man die NFL an dieser Stelle an ihren eigenen Standards messen.

Godell verkauft „seine“ NFL nämlich gerne als professionellste Sportliga der Welt. Warum diese Professionalität nicht für die eigenen Schiedsrichter (und das Management) gilt, bleibt ein Rätsel. Schiedsrichterbewertungen bleiben intransparent, auch subjektiv schlechte Schiedsrichter dürfen Play-off Spiele leiten, Entlassungen gibt es de facto nicht. Warum nicht? Wieso ist es im Mutterland des Kapitalismus offensichtlich nicht möglich einen Angestellten für schlechte Leistungen zu feuern? Jedes Jahr werden hunderte Trainer, Spieler und Teamangestellte geheuert und gefeuert, schon ein kurzzeitiger Leistungseinbruch kann das Karriereende bedeuten. Nur an objektiv schlechte Schiedsrichter traut sich keiner heran.

Natürlich liegt die Schuld nicht einzig und allein bei den Männern mit den lustigen Mützen. Vielmehr müsste auch hier das NFL-Management Refomwillen zeigen und die Rahmenbedingungen so anpassen, dass eine Flut von Fehlentscheidungen künftig bereits im Keim erstickt würde.

Los geht es beim NFL-Regelbuch: Dieses in all seiner Komplexität zu erfassen könnte gut und gerne den ein oder anderen Bachelorstudiengang ersetzten. Doch anstelle von grundlegenden Reformen werden jährlich Anpassungen vorgenommen die vom Hundertsten ins Tausendste führen.
Des Weiteren weißt New England Patriots Cheftrainer Bill Belichick seit Jahren zurecht auf den absurden Zustand hin, dass mittlerweile nahezu jede Spielentscheidung per Videobeweis überprüfbar ist, Strafen davon aber nahezu vollständig ausgenommen sind. Auch hier gibt sich die NFL gern fortschrittlich, ignoriert aber grundlegende Reformvorschläge unter tatkräftiger Mithilfe der Teambesitzer, die solche Änderungen per 3/4-Mehrheit absegnen müssten.

Indes fehlt es in der NFL-Führungsetage allein am Willen zur Veränderung. Zu sehen ist dies bei den Skandalen um Rice und Peterson und in vergleichbarer Weise bei den Schiedsrichtern. Und solange die finanzielle Seite für 31 (sowieso schon millionenschwere) Teambesitzer stimmt, und das tut sie, hat Godell wenig zu befürchten.

American Football und die NFL stehen, mit oder ohne Rodger Godell und dessen Management, für grandiose Unterhaltung und für mich nach wie vor für den faszinierendsten Sport unserer Zeit. Es wird Zeit, dass endlich auch in der obersten Etage so professionell agiert wird, wie man es dort von Spielern, Trainern und Zuschauern erwartet. Godell sollte gehen. Er würde damit dem Sport einen Gefallen tun.

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2 Antworten zu “So kann es nicht weitergehen! – Warum die größte Sportliga der Welt dringend Veränderungen braucht.

  1. an sich ein guter einwand aber man sollte hier die persönlichen fehlverhalten (und damit den umgang der NFL damit) und fehlentscheidungen von schiedsrichtern nicht vermischen.

    zu den schiedsrichtern: das problem besteht ja eigentlich nur, dass die rücknahme der strafe nciht erklärt wurde und mir nicht klar ist, wann die rücknahme erklärt werden muss. es passiert ja oft, dass „there is no foul on the play“ gesagt wird, wenn nen flagge fliegt. dass der PI-call unterschiedlich beurteilt werden kann… naja; wohl weil er „angeblich“ nicht fangbar war. kann man ja stehe dazu wie man möchte.

    ich fände es übrigens nicht gut, wenn strafen auch noch überprüfbar sind; wenn dann maximal im rahmen der normalen choaches-challenge

  2. Pingback: Nachtrag zu “So kann es nicht weitergehen”… | Hard Count | Ein deutscher NFL Blog·

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